Mittwoch, 26.09., 19h
„Rollende Paläste“: Wanderkinos in Europa
Stummfilmprogramm mit Live-Musik und einem Filmgespräch mit Priv.-Doz. Dr. Joseph Garncarz (Theater-, Film- und Fernsehwissenschaftler, Uni Köln und Uni Siegen) und Daniel Kothenschulte (Filmkritiker)
Nicht immer war das Kino eine Immobilie. Bevor ab 1905 ein Bauboom für ortsfeste Kinos einsetzte, war das Wanderkino für anderthalb Jahrzehnte die Heimat des Films. Und eine durchaus glanzvolle: Wanderkinos waren prachtvolle Theaterbauten aus Holz, die von Jahrmarkt zu Jahrmarkt bewegt wurden. Die sensationshungrigen Besucher sahen abwechslungsreiche Programme, die aus einer blühenden Kurzfilmproduktion kompiliert wurden. Das Wanderkino war eine europäische Medieninstitution: Die Kinos passierten die Grenzen der Länder und präsentierten Filmprogramme, die sich zwischen den Ländern kaum unterschieden. Angereichert wurden sie oft durch lokale Ansichten der jeweiligen Städte, in denen sie gastierten. Wir tauchen ein in die neueste Forschung zu einem fast vergessenen Kapitel der Kinogeschichte: Anhand beispielhafter Filmprogramme mit Live-Musik lässt sich erleben, warum das Kino ursprünglich kein nationales, sondern ein global-europäisches Phänomen war. Und warum es wieder verschwunden ist. Lokalaufnahmen auch aus Köln runden den Abend ab.
Veranstalter: Daniel Kothenschulte, Kino Gesellschaft Köln, KölnMusik
Mittwoch, 10.10., 19h
„Das Kino als moralische Anstalt“
HAMBURGER LEKTIONEN
Deutschland 2006, 133 Min, DVD, Regie: Romuald Karmakar, mit Manfred Zapatka, gefördert von der Filmstiftung NRW
Mit einer Einführung und einem Filmgespräch mit Romuald Karmakar und Joachim Kühn (Real Fiction Filmverleih)
Ende der 1990er Jahre wurde Mohammed Fazazi Imam der Al-Quds-Moschee in Hamburg. Im Januar 2000, in den letzten Tagen des Fastenmonats Ramadan, hielt Fazazi im Gebetsraum der Moschee mehrere „Lektionen“, bei denen die Anwesenden Fragen zu verschiedenen Aspekten des Lebens stellen konnten. Diese Sitzungen wurden von einer unbekannten Person auf Video aufgenommen und in der Buchhandlung der Moschee, aber auch in Buchhandlungen außerhalb, vertrieben. Auf der Grundlage des Videos rekonstruieren die HAMBURGER LEKTIONEN den vollständigen Wortlaut zweier Sitzungen vom Januar 2000 und geben damit die Möglichkeit, die Binnenlogik eines Denkers und Predigers kennen zu lernen, der die salafistische Variante des Islam lehrt.
HAMBURGER LEKTIONEN ist nach HIMMLER-PROJEKT, seinem Film über die dreieinhalbstündige Rede Heinrich Himmlers bei der SS-Gruppenführertagung in Posen im Oktober 1943, Romuald Karmakars zweite Arbeit, die sich durch die Wiederaufführung eines Dokuments mit radikalen Strukturen unserer Zeit beschäftigt. Im Rahmen der Filmreihe KINO ALS ORT dient Karmakars aktuelle Arbeit als Beispiel für die Möglichkeiten des Kinos als meinungsbildendes Medium.
„Das Ungeheuerliche entsteht aus der brutalen Nüchternheit der Darstellung. Karmakar zeigt das auf die einzig angemessene Weise. Die gängigen Urteilsformen des Kinos haben ihm nie eingeleuchtet. Er dokumentiert.
Man droht zu ersticken, wenn man genau zuhört, und muss doch ganz tief Luft holen und einen kühlen Kopf behalten, bevor man über diese Dinge spricht und nachdenkt. Das ist ein ziemlich unangenehmer Zustand. Es ist der Zustand, in dem wir uns befinden. Und Karmakars Film ist so radikal, weil er uns darauf stößt.“ (Peter Körte, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung)
Veranstalter: Filmforum NRW
Mittwoch, 21.11., 19h
„Bigger than Life“ – Filme in CinemaScope
ZWISCHEN HIMMEL UND HÖLLE – Tengoku To Jigoku
Japan 1963, 143 Min, OmU, 35mm, Regie: Akira Kurosawa, mit Toshiro Mifune, Kyoko Kagawa
Mit einem einführenden Vortrag von Gerhard Midding (Filmjournalist) zur besonderen Ästhetik und Rezeption des CinemaScope-Formats
Als die Konkurrenz des Fernsehens in den 1950er Jahren bedrohliche Schatten auf die Filmmetropole warf, entdeckte Hollywood die breite Leinwand als ein einzigartiges Wirkungsfeld der prächtigen Schauwerte und großen Gefühle. In CinemaScope wurde das Leinwandgeschehen auf einmal bigger than life, wirkte eindringlicher und spektakulärer. Zu Beginn war es das Format der Überwältigung; es dauerte ein paar Jahre, bis wagemutige, entdeckerfreudige Regisseure es nicht nur als Spielraum der Opulenz, sondern auch der Intimität, des psychologischen Nachdrucks nutzten. Akira Kurosawa gehört zu ihnen. Der Polizei-Thriller ZWISCHEN HIMMEL UND HÖLLE zeigt, wie meisterhaft er es versteht, verschiedene Handlungsebenen in einer Einstellung spannungsvoll gegeneinander zu komponieren. Der Titel benennt auch zwei soziale Sphären, die Welt eines reichen Industriellen und eines verbitterten Entführers. Kurosawas Film ist nicht nur ein schlagendes Argument für die These vieler Filmliebhaber, für die Scope und Schwarzweiß das schönste aller Kinoformate ist. Er belegt auch, dass im Kino oft das entscheidend ist, was man gar nicht unbedingt wahrnimmt: das Überschüssige, die Leere um die Figuren, die Details am Rande, in denen sich eine Atmosphäre verdichtet.
Im Vorprogramm: K40 ADÉ
Deutschland 2006, Farbe, Super8Cinemascope, 11 Min, von Marcel Belledin und Dejan Rakas
Zwei ambitioniert erfolglose Filmemacher vertreiben sich die Zeit, indem sie lange Tage und Nächte mit der Kamera auf den Kölner Straßen und Dächern verbringen, um ihre letzten Super8-Kassetten zu verbraten, bevor das Kodak Labor im September 2006 endgültig die Entwicklung des K40 Materials eingestellt hat. Marcel Belledin und Dejan Rakas feiern die letzten Tage des legendären Filmmaterials im CinemaScope-Format.
Veranstalter: Filmforum NRW
Mittwoch, 16.01.08, 19h
„Kino als Ort der Bewegung“
CINEMA SPEED UP - ein Kurzfilmprogramm
Der Film als Medium des bewegten Bildes steht für eine Kunstform der Bewegung par excellence. Diese Bewegung, die durch Dynamisierung und Rhythmisierung der Bilder entsteht, erzählt eine Geschichte, die sich jenseits der Leinwand fortsetzt. Dort trifft sie auf den Betrachter im Kinosaal, versetzt ihn in emotionale Bewegung und erschafft im engsten Sinn bewegende Momente.
Die beschleunigte Welt und Zeit sind Aspekte der modernen Lebens- und Wahrnehmungsweise, oft sichtbar gemacht in den Werken der Avantgarde als visuelles Echo der Großstadt. Das Kurzfilmprogramm CINEMA SPEED UP wurde von Brigitta Burger-Utzer vom österreichischen Filmkunst-Verleihs sixpackfilm zusammengestellt. Es bietet einen rasanten Überblick über das österreichische Experimentalfilmschaffen der letzten Jahre: Den Anfang des Programms macht Peter Tscherkasskys fulminanten Bearbeitungen von Spielfilmszenen, die verdichtet über die Leinwand rasen. Siegfried A. Fruauf gelingt mit der Kamera den Sonnenaufgang in Echtzeit zu erleben. Das elektrisierende der modernen Stadt anhand ihrer Oberleitungen vermittelt Maia Gusberti, bevor Michaela Grill anhand alten Archvimaterials eine romantische Stadtsymphonie erschafft, in der die Vergangenheit nur mehr in Spuren sichtbar ist. Die modernen Verkehrswege in ihrer verdichteten Form zeigen Dietmar Offenhuber und Dariusz Kowalski. Und dann Filmstreifen, Kader für Kader bei Kurt Kren und Thomas Steiner bearbeitet, die Naturaufnahmen aus ihrem Kontinuum zerlegen und einem anderen Rhythmus unterwerfen. Das Ende ist ein häufiger Topos des Spielfilms: die Verfolgungsjagd als animierte tour de force durch Hollywoods Klassiker.
Veranstalter: SK Stiftung Kultur
Mittwoch, 20.02.08, 19h und 21h
„Die Macht des Blicks“ - Kino als Ort für Erotik und Experiment
19h: Kurzfilmprogramm mit einer Einführung von Carla Despineux (Feminale e.V.)
Schaulust, Voyeurismus und erotische Experimente im Kino; unter dem Schlagwort „die Macht des Blicks“ wird das Kino zum Ort der Auseinandersetzung.
21h: VISITING DESIRE
USA 1996, 70 Min., 16mm, englische OV, Regie: Beth B., DarstellerInnen: Lydia Lunch, Kembra Pfahler, Shannon O’ Kelley, Chloe Dzubilo u.a.
„People – Bedroom – No Script“. Unter dieser elementaren Versuchsanordnung kommen im April 1996 in New York zwölf Personen zusammen, um in einem karg möblierten Schlafzimmer ihre Bereitschaft zu spontanem Sex unter Beweis zu stellen. Die Ausgangssituation ist stets die gleiche: Eine Person sitzt wartend auf dem Bett. Eine andere Person betritt den Raum, sie machen sich mit einander bekannt. Eine Mischung aus Erregung, Angst und Erwartung stellt sich ein, wenn die beiden Fremden versuchen, eine gemeinsam vereinbarte Fantasie Wirklichkeit werden zu lassen. Auf diese Weise entstehen intime Porträts: sie sind zugleich kindlich, komisch, emotional berührend und letztendlich – im Wortsinne „enthüllend“.
„VISITING DESIRE beschäftigt sich mit der Ballade der sexuellen Möglichkeiten. Was ist hinter dem Schleier der Wünsche? Wann werden Wünsche zu Perversionen? Und wann die Schaulust des Zuschauers zu der eines Pornokonsumenten?“ (Silke Kettelhake, fluter.de)
Veranstalter: Feminale e.V.
Mittwoch, 19.3.08, 19h
„Expanded Cinema“ – Institutionskritik und –erneuerung: Kino im Fokus der Filmemacher gestern und heute.
Filmprogramm mit einem Vortrag von Stefanie Schulte Strathaus (Arsenal Kino, Berlin)
Als Reaktion auf die zunehmende Schließung von Kinos wird immer häufiger ein mit öffentlichen Geldern finanziertes Kino gleichsam als musealer Schonraum für den Film gefordert. Im Zusammenhang mit der einher gehenden Musealisierung des Films gerät jedoch eine Institutionenkritik in Vergessenheit, die bereits in den 1960er und 1970er Jahre von Künstlern und Filmemachern geübt wurde, nicht zuletzt im Expanded Cinema. Stefanie Schulte Strathaus plädiert dafür, die neuen Orte, die für Kino heute genutzt werden, zu entdecken und die Kritik für eine institutionelle Neuerfindung des Kinos fruchtbar zu machen.
Veranstalter: Museum Ludwig
Mittwoch 02.04.08, 19h
„Kino digital: The End of the Reel World?“
Ein Expertengespräch mit Filmbeiträgen moderiert von Studenten der ifs internationale filmschule köln
Durch die Digitalisierung ist die siebte Kunst dabei, sich radikal zu verändern. Neue Filmbilder, neue Rezeptionsformen, neue Techniken des Erzählens und Produzierens entstehen. Was bedeutet das für die Filmemacher? Wird der Regisseur vor allem zu einem Programmierer? Wie verändert sich die Rolle des Zuschauers? Wird er zum Mitgestalter oder wird seinem Bedürfnis „anderen Menschen beim Leben zuzuschauen“ (Martin Scorsese) weiterhin Rechnung getragen. Und wie wirkt sich die Digitalisierung auf das Kino als Ort aus?
Veranstalter: ifs internationale filmschule köln
Mittwoch, 16.4.08, 19 Uhr
„Mehr als Kino?“ Podiumsgespräch zum Stellenwert der Kinokultur in Köln
Mit Vertretern der Kultur- und Stadtentwicklungspolitik, Kinobetreibern, Filmkritikern und Medienwissenschaftlern
In Anbetracht der schrumpfenden Kinolandschaft in Köln gewinnt das Kino als Mittel der Belebung der Innenstadt und als sozialer Ort eine besondere Bedeutung. Das Filmforum mit seiner zentralen Lage an der Kölner Domplatte kann zugleich als Beispiel und als Reflektionsort für die strukturelle Bedeutung des Kinos innerhalb der Stadt dienen. Ob und wie das Kino zu einem solchen Reflektions- und Kommunikationsort werden kann und welchen Stellenwert die Kinokultur innerhalb der Stadtentwicklung Kölns hat, wird im Rahmen des Podiumsgespräch von Fachleuten diskutiert.
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Ort: Filmforum im Museum Ludwig, Bischofsgartenstr. 1, 50667 Köln
Eintritt: 6,50/ 6,00 Euro erm./ Stummfilm mit Live-Musik: 8,50/ 8,00 Euro erm.
Expertengespräch mit Filmbeiträgen (02.04.) und Podiumsgespräch (16.04.): Eintritt frei
Eintrittskarten sind an der Abendkasse erhältlich
„KINO ALS ORT – vom Wanderkino zum digitalen Datenstrom“ ist ein Projekt des Filmforum NRW.
Mitglieder des Filmforum NRW sind: Filmstiftung NRW, SK Stiftung Kultur, Westdeutscher Rundfunk (WDR),
ifs internationale filmschule köln, film & fernseh produzentenverband nrw e.v., KölnMusik GmbH, KinoAktiv
und Museum Ludwig
Mit freundlicher Unterstützung durch die Stadt Köln